Verkehr & Smart Mobility Susanne Menge im Interview von Tagesspiegel Background

 Susanne Menge ist neu für die Grünen in den Bundestag eingezogen. Doch sie bringt Erfahrungen aus gut 35 Jahren Politik mit, von der kommunalen Ebene bis zum Landtag. Sie ist eine ausgewiesene Verkehrspolitikerin mit klaren Ansichten über SPD, FDP und AfD.

 Für Susanne Menge könnte sich an der Verkehrspolitik entscheiden, ob die Ampelkoalition zustande kommt. Die neu gewählte Bundestagsabgeordnete der Grünen hat in der Vorbereitungsgruppe für die Koalitionsverhandlungen mitgearbeitet. Sie macht sich keine Illusionen über die neuen Partner: Die SPD habe den völlig autozentrierten Bundesverkehrswegeplan mitgetragen, die FDP habe in der vergangenen Legislaturperiode in Verkehrsfragen häufig mit der AfD gestimmt.

Und genau mit diesen beiden Parteien müssten die Grünen jetzt die Verkehrswende realisieren. „Ich kann nicht in meinen Wahlkreis zurückgehen und auch nirgendwo anders hingehen und sagen: Es wird sich nichts ändern“, unterstreicht Menge im Gespräch mit Tagesspiegel Background.

Die 61-Jährige aus Oldenburg sitzt in einem großen Besprechungsraum des Bundestages mit einem fantastischen Blick auf das Reichstagsgebäude schräg gegenüber. Schon seit 1984 ist sie Mitglied bei den Grünen, hat Kommunalpolitik gemacht, saß im niedersächsischen Landtag, jetzt ist sie im Bundestag angekommen. Euphorisch wirkt sie deshalb nicht, was bestimmt nicht nur daran liegt, dass sie an diesem Tag gesundheitlich ein wenig angeschlagen ist.

„Wir scheitern immer wieder an Bundesgesetzen“

Sie weiß: Es wird nicht einfach. Als langjährige Vorsitzende der Bundesarbeitsgemeinschaft Verkehr bei den Grünen hat sie ganz bewusst für den Bundestag kandidiert, um hier etwas zu verändern. „Wir scheitern immer wieder an Bundesgesetzen“, beklagt sie – sei es die Straßenverkehrsordnung oder die Bundesbauordnung. „Ich stelle mir Mobilität anders vor.“

Das beginnt für sie mit dem von Grünen und Umweltverbänden immer wieder angegriffenen Bundesverkehrswegeplan. „Wir wollen einen Bundesmobilitätsplan und kein Sammelsurium an Straßen, die da irgendwie auf Länderwunsch reingekommen sind“, sagt Menge. Ein Paradebeispiel für Fehlplanung ist aus ihrer Sicht die Autobahn A20 in Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern, Niedersachsen und Schleswig-Holstein. „Mit der A20 werden die letzten Moorflächen asphaltiert. Sie werden mit Sand verpresst, um sie auszutrocknen.“ Den Weiterbau könnten die Grünen in der neuen Bundesregierung aufhalten, weil er „klimapolitisch nicht zu verantworten“ sei.

Die Besessenheit, mit der die FDP für E-Fuels eintritt, kann Menge ebenso wenig nachvollziehen. Synthetische Kraftstoffe würden nichts an der Vormachtstellung des Autos ändern, am Platzbedarf für Parkhäuser und Straßen.

Um den Liberalen etwas entgegenzusetzen, hofft Menge natürlich sehr darauf, dass die Grünen das Verkehrsministerium bekommen, zum Beispiel Anton Hofreiter. Nur wenn das nicht klappt, könnte sie sich mit einer Frau oder einem Mann aus der SPD anfreunden, die oder der offen für eine echte Verkehrswende ist.

Menge möchte gerne in den Verkehrsausschuss. Aber ob der in der neuen Legislaturperiode weiterhin so heißt oder anders zugeschnitten wird, ist noch offen. Das gilt auch für die Frage, wie viele Abgeordnete die Grünen in den Ausschuss schicken dürfen. Menge versteift sich nicht darauf, auch nicht auf einen Posten als Sprecherin für ein bestimmtes Thema. Die Sprecherfunktionen könnte man doch aufbrechen, meint sie, stärker als Team arbeiten. Sie zitiert den Spruch des früheren Umweltministers Jürgen Trittin: „Bist du Sprecher für Nadel- oder Laubbäume?“

Dass Susanne Menge mit 61 noch in den Bundestag eingezogen ist, ist kein Zufall. Sie ist eine Kämpferin, auf ihrem beruflichen und politischen Weg sind ihr die Dinge nicht zugeflogen, sie hat sich alles mit großer Beharrlichkeit erarbeitet.

„Eigentlich wollte ich Schauspielerin werden“

Das beginnt schon in der Kindheit und Jugend. Menge ist Halbwaise, ihre Mutter zieht vier Töchter alleine groß. „Eigentlich wollte ich Schauspielerin werden, aber die Ausbildungsplätze waren rar“, erzählt Menge. Schon in der Schule spielt sie Theater und macht Kabarett. Etwas Ähnliches könnte sie sich auch jetzt in der Bundestagsfraktion in einer neuen AG vorstellen.

Doch als Hauptberuf wird es nichts mit der Schauspielerei. Als Alternative schwebt ihr Journalistin oder Lehrerin vor. So studiert sie an der Carl-von-Ossietzky-Universität Oldenburg Politik, Wirtschaft und Sport auf Lehramt. Ein politischer Mensch ist sie da schon längst. Sie engagiert sich gegen Atomkraft und für die Friedensbewegung. An ihrer Uni lassen CDU-Politiker regelmäßig den Schriftzug mit dem Namen abhängen, diffamieren die Hochschule als linke Kaderschmiede, erinnert sich Menge.

Da sie schon mit 20 Jahren zum ersten Mal Mutter wird, hat sie ein ganz unmittelbares Interesse am Thema Kinderkrippen, setzt sich auch selbst für deren Aufbau ein. „Damals hieß es, das seien DDR-Unterbringungsmethoden.“ Erst unter dem SPD-Ministerpräsidenten Gerhard Schröder habe sich das geändert.

Weil ihre sogenannte einphasige Lehrerausbildung in Oldenburg von CDU-Ministerialen nicht anerkannt wird, ist Susanne Menge lange arbeitslos. Sie hat ABM-Stellen, zwischendurch führt sie ihre eigene Papeterie, lernt sogar Buchbinderei. Nach einigen Jahren lohnt sich das Geschäft nicht mehr. Im Jahr 2000 kann sie endlich als Lehrerin an einem Gymnasium in Oldenburg anfangen.

Mit der Politik hat sie nie aufgehört. Sie arbeitet sich vom Gemeinderat über den Kreis- und Stadtrat bis in den Landtag hoch. Was hat sie in der Kommunalpolitik gelernt, was hat sie mitgenommen? „Die Geduld, sich mit schwierigen Fragestellungen auseinanderzusetzen, um am Ende zum Beispiel einen guten Antrag zustande zu bringen.“ Obwohl sie selbst sehr klare Positionen hat, ist ihr Schwarz-Weiß-Denken fremd. „Gesellschaftliche Diskussionen laufen sehr plural“, sagt sie. „Man muss auswählen, was wirklich überzeugend ist, um es in die eigene Argumentation einzubeziehen.“

„Wie konnte Björn Höcke Oberstudienrat werden?“

Auch mit Blick auf die AfD sagt Menge: „Es funktioniert, sich friedlich und vernünftig auseinanderzusetzen.“ Über die AfD im niedersächsischen Landtag spricht sie allerdings ganz unverblümt: „Das war eine schockierende Wende in meiner politischen Vita, dass sich rechte Horden so organisieren können in diesem Land.“ Und als Lehrerin fragt sie entsetzt: „Wie konnte Björn Höcke Oberstudienrat werden?“

Im Landtag war Menge verkehrspolitische Sprecherin. Sie und ihre Kolleg:innen trieben einen Modellversuch für Tempo 30 in Ortschaften voran. Doch der wurde von einer CDU-Frau im niedersächsischen Verkehrsministerium torpediert. SPD-Minister Olaf Lies habe die Beamtin nicht gestoppt, beklagt Menge. Für die Zertifizierung fahrradfreundlicher Kommunen sei Lies dagegen zu haben gewesen. Die Erfahrungen aus gut 35 Jahren Politik bringt Menge jetzt mit in den Bundestag.

In ihrer Freizeit arbeitet sie gerne in ihrem Garten am Rande der Oldenburger Innenstadt. Sie mag Handarbeiten, kocht und backt für Freunde. Susanne Menge ist geschieden, hat drei erwachsene Kinder und drei Enkel zwischen 21 Jahren und acht Monaten. Wenig überraschend: Der mittlere, ein siebenjähriger Junge, ist am häufigsten bei der Oma. Jens Tartler

Vier Fragen an Susanne Menge:

1. Welches Auto kaufen Sie als nächstes?

Gar keines.

2. Wie halten Sie es mit dem Fliegen?

In Deutschland und Europa fahre ich Zug. Da ich ein Partnerschaftsprojekt in Tansania habe, kann ich das Fliegen aber auch nicht ausschließen.

3. Wer gibt in der Mobilitätsbranche das Tempo vor?

Die Autoindustrie.

4. Wo würden Sie gerne das Rad neu erfinden?

Mein Wunsch: Alles, was für das Auto selbstverständlich ist, sollte es auch für den Rad- und Fußverkehr werden.

 

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